(M)eine Weihnachtsgeschichte

 

 

 

 

Es war einmal ...

Genau wie heute herrschte um die Weihnachtszeit auch vor vielen Jahren, als ich noch ein Kind war, grosse Aufregung. Da wurden Teppiche geklopft, es wurde gebürstet, geputzt und geschrubbt, bis die ganze Wohnung blitz-blank sauber war. Kaum war das geschafft, begann das emsige Treiben in der Küche; die Weihnachtskekse mussten gebacken werden. Holz und Kohle mussten jeweils genau zum rechten Zeitpunkt nachgelegt werden, nicht zu viel und nicht zu wenig. Entsprechend gross war die Anspannung. Und natürlich waren auch die Weihnachtsgeschenke vorzubereiten. Nächtelang wurde genäht oder gestrickt, gehobelt und geschliffen. Immer wieder einmal verschwand etwas ganz schnell, wenn wir Kinder in den Raum kamen. Dann, möglichst kurz vor dem grossen Tag wurde ein Weihnachtsbaum im Wald geschlagen, mühsam nach Hause geschafft und verborgen. Es war eine Zeit, in der viele Türen verschlossen waren, geheimnisvolle Blicke und Getuschel über unsere Köpfe hinweg ausgetauscht wurden. Doch bei all der Plackerei und Anspannung waren die Erwachsenen mit ihrer Kraft und ihren Nerven am Ende, wir Kinder aber durch das wundersame Treiben und die Vorfreude noch zappeliger und neugieriger als sonst.

Dann endlich, wenn schon frühmorgens heftig diskutiert wurde, alle Grossen hin- und her rannten, wenn die Stimmung unserer Eltern im Keller und auch die Türe zur guten Stube versperrt war, war es soweit: Weihnachten! Da sassen wir Kinder allein in der Küche und rätselten, was da nur vor sich ging. Die Neugierde trieb uns immer wieder zur Wohnzimmertüre. Vielleicht verrieten ja die Geräusche etwas? Wir legten unsere Ohren an die Türe. Oder konnte man durchs Schlüsselloch etwas erkennen? "Ich seh' nichts." "Geh' weg, ich will auch einmal durchschauen!" Immer wieder wurden wir dabei ertappt. "Ich hab' doch gesagt, ihr sollt in der Küche bleiben. Im Wohnzimmer richtet das Christkind alles für Heiligabend her! Wenn es von Kindern gesehen wird, fliegt es weg und es gibt nichts zu Weihnachten!" Mit gesenktem Haupt trollten wir uns wieder. Dieses eine Mal, das mir noch so gut in Erinnerung ist, kicherte meine ältere Schwester: "Es gibt gar kein Christkind!" Mit meinen gut vier Jahren war ich jetzt erst recht völlig aus dem Häuschen. Also stand ich umgehend wieder vor der Wohnzimmertüre und überlegte, ob denn das Christkind bemerken würde, wenn wir einen Blick erhaschen könnten. Und warum überhaupt durfte es nicht gesehen werden? "Es gibt kein Christkind!" flüsterte meine Schwester genervt. "Und wer bringt dann den Christbaum und die Geschenke?", wollte ich wissen. "Das machen alles Mutti und Vati." "Das ist doch etwas Schönes! Das würden sie uns doch erzählen! Warum sollten sie lügen?" Meine Schwester zuckte die Achseln: "Keine Ahnung!" Ich war skeptisch. Das war einfach zu unsinnig. Und es wäre weiss Gott nicht das erste Mal, dass meine Schwester gelogen hätte um sich nachher über mich lustig zu machen. Es dauerte aber nicht lange, da zog meine Schwester den letzten Joker aus dem Ärmel. "Hörst du es! Jetzt räumen sie alles auf. Du wirst sehen, gleich kommen sie zu uns in die Küche und Omi geht ins Wohnzimmer und - oh Wunder - gerade dann läutet das Weihnachtsglöckchen." Kaum zu glauben, meine Schwester hatte die Wahrheit gesagt. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Weil es unseren Eltern offenbar so wichtig war, dass wir an das Christkind glaubten, beschlossen wir, uns nichts anmerken zu lassen. Und Weihnachten war wie immer: aufregend schön mit all den Lichtern, dem Glitzern, den Geschenken unter dem Baum, und doch noch ein wenig schöner, denn all das hatten unsere Eltern für uns gemacht.

 

Und meine Kinder? Natürlich haben auch sie vom vom Nikolaus, vom Christkind, dem Weihnachtsmann und Osterhasen gehört. Aber sie wussten, es waren nur Geschichten. Und genau wie ich viele Jahre früher, liebten sie diese Feste trotzdem oder vielleicht gerade deshalb? Sie durften wählen, ob sie bei den Vorbereitungen dabei sein oder lieber überrascht werden wollten. "Überrascht werden!" entschieden sie, solange sie klein waren. Im Schulalter aber waren sie bei den Vorbereitungen dabei, freuten sich, wenn die Kartons mit dem Christbaumschmuck wieder hervorgeholt wurden. Beim Auspacken kamen nicht nur Christbaumkugeln, Tonfiguren und anderer Christbaumschmuck zum Vorschein, sondern auch all die Weihnachtserinnerungen, über die wir uns noch einmal miteinander freuen konnten. Bevor aber das Lametta und die Kerzen auf den Baum kamen, verliessen sie den Raum und warteten sehnsüchtig auf das Weihnachtsglöckchen. "Weihnachten," meinte mein Sohn einmal, "ist so schön, dass es weh tut."

von Elfriede Elbau